Beiträge zur Baugeschichte Teil 1 bis Teil 3:

Teil 1.

Stilgeschichtliche Einordnung und Datierung

Auszug aus der Dissertation von Dr. Hilde Miedel (zusammengestellt von Norbert Bandur)

Um die annähernde Datierung der Kirche von Beselich zu gewinnen, gehen wir von den Baudetails des Westbaues aus. Während Lisenen und Rundbogenfriese kein sicheres Datierungsmittel bilden, sprechen andere Einzelheiten, wie z.B. das auf der Reiffenstein’chen Zeichnung an der Nordseite sichtbare kleine Rundfenster mit Vierpass und der von Lotz erwähnte spitzbogige Schildbogen an der Westwand (beides nicht mehr sichtbar) für eine Entstehung des Bauteils kurz nach 1200.

Die Gesamtanlage des Westbaues, namentlich das dreischiffige kreuzgradgewölbte Untergeschoss, lässt sich etwa vergleichen mit der Eingangshalle im Westbau der Augustiner- Chorherrenstiftkirche Ravengiersburg aus dem frühen 13. Jahrhundert.

Der Westbau von Beselich ist vermutlich mit einem quergestellten Satteldach zu rekonstruieren, ähnlich dem entsprechenden Bauteil der Schottenkirche St. Jakob in Regensburg (um 1200). (…) In St. Martin in Worms findet sich außerdem an der Westfassade eine Fensteranordnung, wie sie für Beselich durch schriftliches Zeugnis überliefert ist: „Im westen … zwei Rundbogenfenster und darüber ein großes Kreisfenster …“ (Lotz). Danach wird man den Beselicher Westbau im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts ansetzen dürfen.

An den doppelgeschossigen Westbau schließt sich nach Osten ein dreischiffiges Langhaus an, in allen Schiffen flach gedeckt, mit je fünf Arkaden auf mächtigen längsrechteckigen Pfeilern. Dieses Langhaus mündet unmittelbar, ohne Querhaus oder Vorjoch, in eine dreiapsidiale Choranlage.

Ein Kirchengrundriss in dieser Einfachheit muss auffallen in einer Zeit, wo besonders im Rheinland die Anlagen zunehmend reicher und mannigfaltiger werden. (...) Jedenfalls macht der Grundriss von Langhaus und Chor gegenüber dem Westbau einen entschieden altertümlicheren Eindruck.

(…) Zur Zeit der Errichtung der Beselicher Kirche war die Stiftskirche von Dietkirchen einer der bedeutendsten Kirchenbauten der Umgebung. Die Bedeutung des St. Lubentiusstiftes als Archidiakonatssitz (…) und die örtliche Nähe machen eine Einwirkung auf Beselich sehr wahrscheinlich. Zur Gewissheit wird diese Vermutung beim Vergleich der Grundrisse beider Kirchen. Zunächst besteht auffallende Ähnlichkeit in der Choranlage mit nahezu parallelen Apsiden. Sodann stimmt die Anzahl der Joche (fünf) überein, ferner annähernd die Proportionen der Seitenschiff- und Mittelschiffbreite. (…) Die heutige Kirche (von Dietkirchen) besitzt Bauteile aus dem frühen und dem späten 12. Jahrhundert, ferner aus dem ersten Drittel des 13. Jahrhunderts.

Beselich scheint aber nicht nur von dem benachbarten Dietkirchen beeinflusst zu sein. Bei näherer Untersuchung der Denkmälerbestandes zeigt sich nämlich, dass die schlichte Grundrissform der Beselicher Stiftskirche, gekennzeichnet durch drei parallele Apsiden und Fehlen des Querhauses, bei einer bestimmten Gruppe von Klosterkirchen etwa zwischen 1100 und 1250 häufig auftritt, nämlich bei den Nonnenstiftskirchen der Prämonstratenser, vereinzelt auch der Zisterzienser und Augustiner.

(…) Damit ist zwar die Herkunft des in hochromanischer Zeit altertümlich wirkenden Grundrisses geklärt, aber noch keine absolute Datierung gewonnen. Eine genaue zeitliche Ansetzung der Basilika stößt  insofern auf Schwierigkeiten, als bei den Ausgrabungen außer dem Sockelprofil der Nordwand und einer Reihe von Bodenfliesen keine datierbaren Baudetails zutage getreten sind.

(…) Die Tonfliesen gehören ihrer Musterung nach erst dem 13. Jh. an. Bodenplatten mit vergleichbaren Ornamenten haben sich verstreut gefunden in Mainz, Worms, Eberbach, Amorbach, ferner in Straßburg, Metz und Konstanz, ebenfalls aus den 13. Jh.. allerdings nicht genauer datiert. Da nun aber mit dem Legen der Bodenplatten der eigentliche Bau der Kirche im allgemeinen abgeschlossen ist, erhalten wir mit der Datierung der Fliesen ins 1. Drittel des 13. Jh. immerhin einen terminus ante für die Kirche.

Von der Ausstattung der Kirche hat sich außer diesen Bodenplatten noch ein Weihwasserbecken erhalten, das sich seit dem Kriege im Heimatmuseum Weilbug befindet *). Luthmer, der es noch in der Nordwand eingemauert sah, bezeichnet es als „Rest eines Säulenkapitells“. Auch Dehio erwähnt es noch in Beselich, aber mit seiner richtigen Bedeutung.

(…) Zur Datierung dieses Weihwasserbeckens kann ein Vergleich mit der Brunnenschale im Kreuzgang der Prämonstratenserabtei Sayn dienen. Das obere Becken weist den gleichen Blattschmuck auf. Einen Kranz von Palmetten, wechselweise mit den Blattspitzen nach oben und unten dem Schalenrand aufgelegt. Dieser Brunnen ist zusammen mit dem Kreuzgang um 1230 errichtet worden. Damit erhalten wir einen weiteren zeitlichen Ansatzpunkt für die Kirche: um 1230 wird ihre Ausstattung vollendet gewesen sein.

Auf Grund der Schriftquellen muss die Kirche von Beselich nach 1163 (Urkunde des Erzbischofs Hillin v. Trier) begonnen worden sein. Die Datierung des Westbaues ins 1. Drittel des 13. Jh. macht die Vollendung der Chorpartie und des Langhauses um 1200 wahrscheinlich; diese Bauteile werden daher den letzten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts angehören; ihren Baubeginn kann man mit dem „Arnsteiner Anonymus“ von 1640 ums Jahr 1170 annehmen.

Anschließend an die Kirche wurde der Westbau hochgeführt. Den Abschluss bildete die Ausschmückung der Kirche mit Wandmalereien in geometrischen Mustern und mit einem Fußbodenbelag aus ornamentierten Fliesen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: der Grundriss der Stiftskirche Beselich zeigt die in Nonnenklöstern des Prämonstratenserordens sehr gebräuchliche schlichte Form mit drei parallelen Absiden, ohne Querhaus. Gewisse Übereinstimmungen dieses Grundrisses mit demjenigen der nahen Stiftskirche von Dietkirchen machen architektonische Einwirkungen von dorther wahrscheinlich. Dagegen ist ein Einfluss von der Mutterabtei Arnstein in dieser Hinsicht trotz des engen organisatorischen Zusammenhaltes nicht greifbar.

Der teilweise noch erhaltene Westbau lässt sich sowohl als Ganzes, wie auch in seinen Baudetails gut in die Baukunst der Zeit kurz nach 1200 einordnen. Die Schmuckformen der Ausstattungsstücke gehören der Zeit um 1230 an und spiegeln mittelrheinische Einflüsse wieder. Für den von Osten nach Westen errichteten Kirchenbau kann man aufgrund urkundlicher und stilgeschichtlicher Anhaltspunkte eine Gesamtbauzeit von etwa 1170 - 1230 annehmen

*) Dieses Becken befindet sich heute im Museum „Heimatstube“ in der Alten Schule in Obertiefenbach.

Teil 2.

Bodenfunde im Zuge von Tiefbauarbeiten

 

im Jahre2001

Von Norbert Bandur

Den Ruinen im Land war der „Tag des offenen Denkmals“ in Hessen im Jahre 2001 gewidmet. Insofern passte es gut, im Jahrbuch 2002 des Landkreises Limburg-Weilburg über die im Juli des Jahres 2001 gemachten neuen Bodenfunde in der Klosterruine Beselich zu berichten. Sie sind so wenig spektakulär, wie die Ruine selbst, aber ihr Auffinden eröffnet uns einen Blick in die Gestaltungsfähigkeit vergangener Generationen und erlaubt uns eine bessere Vorstellung von Details der einstigen Baulichkeiten.

Zur Trockenlegung der Ruine wurde am Montag nach dem Historischen Beselicher Markt innerhalb der Klosterruine Beselich Erde ausgehoben um eine Drainage zu verlegen. Im Außenbereich verlief diese entlang der U-förmigen Mauern des Westbaues. Im Innenbereich der ehemaligen Klosterkirche wurde ein Hügel aus historischem Schutt der im 17. Jahrhundert zerfallenen und in der Folgezeit als Steinbruch genutzten ehemaligen Klosterkirche angeschnitten.

Es gibt eine Reihe das Prämonstratenserinnenkloster Beselich betreffende schriftliche Quellen. Diesbezügliche Fundstücke gibt es indes nur wenige. In den Nassauischen Annalen aus dem Jahre 1961, die sich mit den Quellen zur Geschichte der Klöster und Stifte an der mittleren Lahn befassen, werden insgesamt 242 Urkunden und sonstige Schriftstücke abgedruckt, die sich auf das Kloster Beselich beziehen. Das älteste schriftliche Zeugnis stammt aus dem Jahre 1163, das jüngste von 1641.

W.H. Struck äußerte in seinem Vorwort: „Da von keinem dieser Klöster die Baulichkeiten anders als in ruinenhaften Resten erhalten sind, ist die Wiederbelebung ihrer Vergangenheit fast ausschließlich auf ihre schriftlichen Quellen angewiesen. Sollte diese Edition die berufenen Stellen dazu anregen, die dokumentarische Überlieferung durch Ausgrabungen, wie sie in Beselich und Pfannstiel vorgenommen wurden, zu ergänzen, so hätte sie einen nützlichen Nebeneffekt erzielt“. Die von Struck angesprochenen Grabungen in Beselich fanden im Jahre 1954 im Rahmen einer Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades von Frau Dr. Hilde Miedel statt. Mit freiwilligen Helfern legte sie mit wenig invasiven Grabungen in umsichtiger Weise an drei Stellen Teile der Fundamente der ehemaligen Klosterkirche frei. Dadurch war es ihr erstmals gelungen, den Grundriss des spätromanischen Gebäudes zu rekonstruieren. Dabei stieß sie aber nur auf spärliche Funde, wie glatte Bodenfliesen und Bruchstücke von ornamentierten Fliesen aus dem 13. Jahrhundert und einem Kinderskelett unter dem Fundament.

Den östlich der heute noch existierenden Mauerteile des Westbaues befindlichen Hügel innerhalb des Grundrisses, der beim Einsturz bzw. dem Abbruch der Reste der Klosterkirche in früheren Jahrhunderten entstand und über dem Niveau des ehemaligen Kirchenbodens liegt, rührte sie damals aus Zeit- und Kostengründen nicht an, obwohl hier mehr Fundstücke zu erwarten gewesen wären.

Die erste Beschreibung eines ursprünglichen Ausstattungsgegenstandes der Kirche erscheint im Jahre 1907 von F. Luthmer.  In „Die Bau- und Kunstdenkmäler des Reg. Bez. Wiesbaden“, Band 3, wird ein in der Nordwand eingemauerter, „...mit eingekerbten Verzierungen versehener Trachytstein, vielleicht die Reste eines Säulenkapitells“ beschrieben und als Federzeichnung abgebildet. Frau Miedel erkennt jedoch in diesem Stein, der später ausgebrochen und seit dem Kriege im Heimatmuseum Weilburg aufbewahrt wurde, ein Weihwasserbecken. Eine Ablauföffnung im Beckenboden lässt aber auf eine Piscina schließen. Dies ist ein Wasserbecken zur Händewaschung während der Liturgiefeier. Durch ein Loch im Boden lief das Wasser direkt durch die Wand nach außen ab. Mittlerweile befindet sich dieser Stein im Heimatmuseum „Alte Schule“ in Obertiefenbach.

Vollständig erhaltene und verlegte ornamentierte Tonfliesen wurden erstmals im Jahre 1978 beim Eingraben von Zaunpfählen zur Begrenzung einer Viehweide in der Nähe der Klosterkirche gefunden. Dies war aber keine Erstverlegung, da die ornamentierten Fliesen ohne Ordnung im Verbund mit glatten Fliesen verlegt waren und kein Bezug zu einem ehemaligen Gebäude hergestellt werden konnte.

Bei den Tiefbauarbeiten im Jahr 2001 kamen dann auch hochinteressante baugeschichtliche Einzelheiten zu Tage. Beim Abladen des Aushubes in der Nähe der Baustelle tauchte eine Bodenfliese auf, die weder vom Motiv noch von der Technik bisher dort nachgewiesen werden konnte. Die in der Vergangenheit gefundenen ornamentierten Fliesen zeigten stets eine vertiefte Prägung auf. Bei der vorgefundenen war die Ornamentik erhaben als Relief ausgeführt. Während die vertieft geprägte Linienornamentik mit einem Keramikmodel erzeugt wurde, formte man die Relieffliesen in ein Holzmodel ein, in dem das Negativ der Ornamentik eingeschnitzt war.

Des Weiteren wurden drei behauene Bogensteine mit einer Bogenlänge von etwa 70 cm zu Tage gefördert, welche noch verputzt und mit einer aufgemalten Ornamentik versehen waren, wie sich beim Ablegen der Fundstücke zeigte. Leider wurden die Blöcke beim Aufnehmen aus der Erde und beim einige Tage später stattgefundenen wiederholten Aufnehmen zur Verbringung in den gemeindlichen Bauhof, beschädigt. Berechnungen aus dem Sehnenmaß und der Bogenhöhe ergaben einen Radius von etwa 3.35 m, was bei einem Rundbogen eine Spannweite von 6.70 m ergibt. Dieses Maß korrespondiert mit der von Frau Dr. Miedel ermittelten lichten Weite des Mittelschiffes von 7,40 m. Vorliegende Tatsache und auch die Lage des Fundortes lassen den Schluß zu, dass es sich um Teile des Steinbogens unter der ehemaligen Nonnenempore in der heutigen Ruine des Westbaues handelt. Ob es sich um benachbarte Bogensteine handelt wurde noch nicht untersucht. Ein an der Innenseite der südlichen Mauer erkennbarer Schildbogen lässt erkennen, in welcher Höhe schließlich der Boden der Nonnenempore lag.

Über eine flache Platte aus Tuffstein wird noch gerätselt. Die Frage, ob sie mit einem einige Tage später gefundenen menschlichen Skelett in Verbindung stand, konnte nicht mehr geklärt werden. Ansonsten fanden sich noch mehrere Fliesen. Meist ohne, aber auch mit der bereits bekannten Ornamentik und verschiedene Gefäßscherben.

Noch nach Abschluss der Bauarbeiten konnte in dem freigelegten Geländeabbruch im Bereich des südlichen Seitenschiffes ein etwa 40 cm breites in Richtung der Klosterkirche verlaufendes Mäuerchen geortet werden, welches aus unregelmäßigen, an den Außenseiten behauenen Basaltsteinen, in ungleicher Schichtlagerung mit Lehm vermauert ist. Die Ausdehnung nach Osten könnte bei Bedarf noch ermitteln werden, da es in einem Bereich liegt, der bisher noch nicht abgetragen wurde. Seine Ausdehnung nach Westen ist durch die bereits abgeschlossenen Tiefbauarbeiten aber nicht mehr rekonstruierbar.

Ein ebenso geartetes Mäuerchen beschreibt auch Frau Dr. Miedel in ihrer Dissertation. Dieses war ohne Fundamentierung direkt auf dem Fußboden zwischen zwei Pfeilern der südlichen Arkadenreihe aufgesetzt, und somit etwa zwei Meter von dem jetzt gefundenen parallel dazu verlaufenden Mäuerchen entfernt beschrieben.

Es zeigt sich einmal mehr, dass jeder Quadratmeter Boden einer Ruine für eine Überraschung gut ist, die bisher im Verborgenen lag.

Teil 3.

Ornamentierte Fliesen

Von Norbert Bandur

Teil 3. Ornamentierte Fliesen

Von Norbert Bandur

1. Einleitung

Die frühesten bekannten ebenerdigen Böden in Gebäuden des Mittelalters bestanden in unseren Breiten aus gestampftem Lehm. Später benutzte man Kalkmörtelestriche, die sich noch in den Kirchen der Karolingerzeit (751-987) nachweisen lassen. In einfachen Dorfkirchen fand diese Art des Fußbodenbelages bis in das hohe Mittelalter hinein Verwendung.

Erst durch einen allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung in Europa im 10. Jahrhundert begann man die Fußböden der Kirchen und Ordenskapitel in vielen Klöstern, die damals in Mittel- und Nordeuropa entstanden, mit dauerhafteren und trotzdem preiswerten Materialien zu belegen. Es bot sich Ton als geeigneter Werkstoff an. Schon in römischer Zeit wurden Räume für untergeordnete Zwecke mit einfachen Tonziegeln ausgelegt. Ton war nicht selten an Ort und Stelle vorhanden und konnte leicht und relativ schnell verarbeitet werden. Die Formgebung erfolgte im weichen Zustand. Die nötige Härtung wurde durch Trocknung und anschließendem Brennen erzeugt.

Eine ausgeprägte Produktion von gemusterten keramischen Fliesen begann aber erst gegen Ende des 12. Jahrhunderts hauptsächlich in Frankreich. Hierbei, und bei der Verbreitung dieser Art des Schmuckfußbodens, spielte der Zisterzienserorden eine maßgebliche Rolle, weswegen diese Fliesen auch als Zisterzienserfliesen bezeichnet werden. In der Mitte des 13. Jahrhunderts war die Herstellung von keramischen Fliesen nicht nur in Frankreich, sondern auch in England, den Niederlanden und Deutschland entlang des Rheins fest etabliert.

Es ist nicht auszuschließen, dass das im Jahre 1131 von Clairvaux aus gegründete Zisterzienserkloster Eberbach im Rheingau seine ersten Mustervorlagen noch aus Frankreich bezogen hat. Im Kloster muss jedoch sehr bald eine größere Manufaktur entstanden sein, welche Fliesen in großer Stückzahl und mit verschiedenen Mustern versehen herstellte. Aus keinem anderen deutschen Kloster sind derartig viele Musterbildungen bekannt, wie aus Eberbach. Die Fliesen des Klosters fanden eine weite Verbreitung. Zum einen wurden die Modeln an die Tochterklöster und weitere befreundete Abteien weitergegeben, zum anderen betrieben die Eberbacher Mönche aber auch mit den Erzeugnissen ihrer Manufaktur einen offensichtlich schwunghaften Handel. Die Bodenfliesen sind vermutlich auch auf dem Rhein und seinen Nebenflüssen verschifft worden. In zahlreichen Burgen und Kirchen des Rheingebietes bis hinunter nach Xanten und in Hessen befinden sich Eberbacher Stücke. Durch Farbe, Tonbeschaffenheit und genaueste Übereinstimmung der Musterprägungen läßt sich bei vielen Fliesen Eberbach als Herstellungsort nachweisen. Ihre Hochblüte erlebte die Eberbacher Klostermanufaktur in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts.

Die ornamentierte Fliese hatte ein Linienmuster in die Oberfläche eingeprägt. Dabei konnte es sich um tierische, florale oder geometrische Darstellungen handeln. Letztere stellten entweder einen auf einer Platte abgeschlossenen Einzeldekor dar oder sie bildeten im Verbund von vier Fliesen einen gemeinsamen Dekor. Es gab auch Muster, die über einen Viererverbund hinausreichten.

Die ornamentierte Fliese wurde in hölzerne Rahmen eingeformt. Je nach Temperaturverhältnissen war die Fliese nach etwa einem Tag durch den einsetzenden Trockenvorgang so weit geschrumpft, daß der Rahmen entfernt und die Fliese weiterverarbeitet (z.B. hinterschnitten) werden konnte.

Die Fußböden bestanden meist aus unterschiedlichen Feldern mit unterschiedlicher Musterung der ornamentierten Fliesen. Diese waren deutlich durch parallel und rechtwinklig zur Wand verlegte Bänder aus einfachen - meist ungemusterten - quadratischen Fliesen voneinander abgegrenzt. Dabei erfuhr die ornamentierte Fliese innerhalb des Feldes meist eine diagonale Ausrichtung.


2. Die Beselicher Fliesen

Die Ruine der Klosterkirche der Prämonstratenserinnen in Beselich, in der Nähe der heutigen Wallfahrtsstätte Beselich, ist auch noch in jüngster Zeit einer der wichtigsten Fundorte mittelalterlicher Fliesen im Landkreis Limburg-Weilburg. Die Bauzeit der Kirche einschließlich des Westbaues liegt in der Zeit von 1170 bis 1230. Für Beselich sind bei Eleonore Landgraf vier verschiedene Muster katalogisiert

Die ersten Fliesen in Beselich wurden im Jahre 1954 gefunden. Im Rahmen einer Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades führte Frau Dr. Hilde Miedel mit einigen freiwilligen Helfern an drei Stellen Grabungen durch. Sie dienten in erster Linie dazu, den Grundriss der ehemaligen Klosterkirche zu ermitteln. Bei Grabungen an den Fundamenten der südlichen Stützenreihe konnten auch zusammenhängende Teile des ursprünglichen Fliesenbodens freigelegt werden, der diagonal zur Ost-West-Achse verlegt war. Die Fliesen wiesen eine rote, cremefarbene oder dunkelgraue Färbung auf. Weitere Fliesenbruchstücke befanden sich an verschiedenen Stellen im Schutt der Seitenschiffe.

Bei den aufgeprägten Mustern handelte es sich um die Darstellung eines doppelköpfigen Adlers (B58*), einer Flechtbandornamentik innerhalb eines gezackten Quadrates (N2*) und einer Astroide mit je einer stilisierten Lilie an jeder der vier Ecken (R10*).

Weitere vollständig erhaltene und verlegte ornamentierte Tonfliesen wurden im Jahre 1978 beim Eingraben von Zaunpfählen zur Begrenzung einer Viehweide in der Nähe der Klosterkirche gefunden. Dies war aber keine Erstverlegung, da die ornamentierten Fliesen ohne Ordnung zusammen mit glatten Fliesen verlegt waren und kein Bezug zu einem ehemaligen Gebäude hergestellt werden konnte.

Außer dem schon 1954 gefundenen Motiv des doppelköpfigen Adlers fand sich hierbei noch ein Viertelsrond mit Lilienstab (J76*) und ein weiteres Flechtbandmuster (N20*). Letzteres wurde bei Eleonore Landgraf noch nicht dem Fundort Beselich zugeordnet, so dass es sich bis hierher um fünf Beselicher Fliesenmuster handelt.

Die Klosterstätte indessen scheint immer wieder für eine Überraschung gut. Bei Tiefbauarbeiten innerhalb und außerhalb der Ruinen des Westbaues im Juli des Jahres 2001 kamen weitere Fliesen und Fliesenbruchstücke zutage. Die meisten waren nicht ornamentiert. Andere zeigten bereits bekannte tiefgeprägte Muster auf.

Beim Abladen des Aushubes in der Nähe der Baustelle kam eine Bodenfliese zum Vorschein, die weder vom Motiv noch von der Herstellungstechnik bisher dort nachgewiesen werden konnte. Die in der Vergangenheit gefundenen ornamentierten Fliesen zeigten stets eine vertiefte Prägung auf. Bei der vorgefundenen Fliese war die Ornamentik erhaben als Relief ausgeführt. Während die vertieft geprägte Linienornamentik mit einem Keramikmodel erzeugt wurde, formte man die Relieffliesen in ein Holzmodel ein, in dem das Negativ der Ornamentik eingeschnitzt war. Relieffliesen wurden auch zur Dekoration von Wänden benutzt. Dies kann aber im vorliegenden Fall ausgeschlossen werden, da ein weiteres Bruchstück mit dieser Ornamentik auftauchte, auf dem das Relief sehr stark abgelaufen war.

Im Zuge der Tiefbauarbeiten tauchte dann noch das Bruchstück einer anderen Relieffliese mit einem weiteren Motiv auf. Beide Motive sind nicht im Katalogteil von Eleonore Landgraf enthalten und stellen somit eine kleine Sensation dar. Das bedeutet auch, dass sich die Anzahl der in Beselich gefundenen Muster auf sieben erhöht.

Sensationell sind auch Erkenntnisse aus einem schon einige Jahre zuvor bei Aufräumungsarbeiten in der Klosterruine gefundenen Fliesenbruchstück. Die Rekonstruktion ergibt die Form eines spitzwinkligen Dreiecks. Da sich diese Form nicht in den Verband von
quadratischen Fliesen einordnen lässt, liegt der Schluss nahe, dass es sich um ein Fliesenstück aus einer Plattenmosaikrosette handelt, wie sie auch schon in Hadamar aufgetaucht ist.

Auch im Jahre 2006 gab es einen weiteren interessanten Fund. Am 08. Juli, einen Tag vor dem Festakt zu „850 Jahre Ersterwähnung des Namens Beselich“ wurde bei den Vorbereitungsarbeiten zufällig vor der Südmauer des Westbaues ein Fliesenbruchstück gefunden, welches in erster Linie durch die intensive Beweidung des Hanges und Witterungseinflüsse an die Oberfläche gelangt war. Es ist sehr wahrscheinlich bei den Tiefbauarbeiten des Jahres 2001 vom Innenraum der Klosterkirche dort hingelangt als der Aushub an dieser Stelle zwischengelagert wurde. Dabei handelte sich um eine ornamentierte rote Fliese deren Vertiefungen weiß hervorgehoben waren. Bei näherem Hinsehen konnte das schon bekannte Motiv des doppelköpfigen Adlers ausgemacht werden. Es handelte sich aber hierbei um eine inkrustierte Fliese. Die mit dieser Technik hergestellten Fliesen sind in Deutschland selten zu finden. Auch in Beselich konnten bisher solche Fliesen nicht nachgewiesen werden. Die Inkrustation konnte auf zweierlei Art erfolgen. Einmal durch einen andersfarbigen Ton der vor dem Brennen in die vertieften Stellen geformt wurde. Zum anderen durch Mörtel den man nach dem Brennen in die Vertiefungen einbrachte.

*Die Bezeichnungen sind dem Katalogteil des dreibändigen Werkes "Ornamentierte Bodenfliesen des Mittelalters" von Eleonore Landgraf entnommen.


Quellenangaben:
N. BANDUR:

Neue Bodenfunde in der Klosterruine Beselich, in Jahrbuch für den Kreis Limburg-Weilburg 2002, Limburg-Weilburg, 2001
N. BANDUR:

Mittelalterliche Keramikfußböden im Landkreis Limburg-Weilburg, in Jahrbuch für den Kreis Limburg-Weilburg 2006, Limburg-Weilburg 2005
G. U. GROSSMANN:

Limburg an der Lahn, Marburg 2000
E. GUNDERMANN:

Ornamentierte Bodenfliesen – Funde auf der Burg Königstein, in Archäologie um Königstein, Königstein 1982
E. LANDGRAF:

Ornamentierte Bodenfliesen des Mittelalters, Band I –III, Stuttgart 1993. (Dieses Buch kann in der Kath. Öffentlichen Bücherei in der Alten Schule in Obertiefenbach ausgeliehen werden.)
H. VAN LEMMEN:

Fliesen in Kunst und Architektur, Stuttgart 1994
J. WEIMER:

Bautagebuch der St. Nikolaus Kapelle Dehrn, Elz 2002